Vom ersten bis zum letzten Ton grandios

Mozarts so genannte Da-Ponte-Opern kennt jeder Musikfreund, ebenso die späten Sinfonien und die wichtigsten Klavierkonzerte und Klaviersonaten. Die ebenfalls geniale so genannte „Gran Partita“, eine groß angelegte Komposition für zwölf Bläser plus Kontrabass, ist nicht so bekannt. Der Grund liegt einerseits im sinfonischen Anspruch dieser ursprünglich Serenade genannten Komposition und in ihrer besonderen Besetzung. Sie ist im Charakter genau auf der Scheidelinie zwischen Kammermusik und Sinfonik angesiedelt. Das Stück kann nur mit dreizehn vorzüglichen Kammermusikern aufgeführt werden, aber es bedarf auch eines Dirigenten mit klaren musikalischen Vorstellungen. Da diese Kombination selten anzutreffen ist, wird das Stück wenig gespielt. Wenn sich jedoch die richtigen Musiker zur Gran Partita zusammenfinden, dann werden die Aufführungen entsprechend beeindruckend. In der Wienhäuser Marienkirche war dies nun zu erleben.

Ludwig Güttler versammelte die Sächsische Bläserakademie Chemnitz unter seiner Stabführung um sich und ließ diese gleichsam hochkonzentriert und entspannt musizieren. Um es vorwegzunehmen: Die Aufführung geriet vom ersten bis zum letzten Ton grandios. Da stimmte alles. Es atmete jede Phrase. Das natürliche Fließen der Musik wurde nie durch falsche Verlangsamungen gestört. Kein Ton klang beliebig, alles war höchst differenziert ausmusiziert bis in die kleinsten Artikulationsfeinheiten. Die Akzente saßen. Jeder Moment war mit musikalischem Leben erfüllt. Die Temporelationen passten. Die Spannungsbögen gelangen ideal. Da war zwar einerseits immer innere Hochspannung und trotzdem entstand nie der Eindruck eines angestrengten Spiels, denn die Spannung fand immer ihre Entsprechung in der Entspannung. Der musikalische Ausdruckskosmos Mozarts wurde erforscht bis in die letzten Winkel und der Hörer wurde bei diesen Seelenerkundungen mitgenommen. So konnte man jede noch so kleine musikalische Ausdrucksnuance hörend nachvollziehen und in sich aufnehmen.

Ludwig Güttler und seine Musiker zeigten eine gestalterische Kraft, wie sie nur höchst selten zu erleben ist. Wen diese musikalische Darbietung nicht in der tiefsten Seele berührt hat, dem ist nicht zu helfen.Das Wienhäuser Publikum hatte nicht nur das Glück, diese Mozart-Interpretation erleben zu dürfen, sondern konnte vorweg noch zwei ebenfalls vorzüglich musizierte Haydn-Nocturni hören. Güttler arbeitete sehr pointiert den melodischen Reichtum Haydns heraus und ließ auch die humoristische Seite dieser Musik durchscheinen. Da musste man sich einmal mehr fragen, warum Haydns Musik im heutigen Konzertleben nur eine so kleine Rolle spielt. Güttler und seine hervorragenden Musiker führten den klingenden Beweis, dass diese Musik nicht nur des Aufführens wert ist, sondern gleichrangig neben Mozart und Beethoven eingeordnet werden muss. Nur mit Werken wie der einzigartigen „Gran Partita“ kann man diese Musik dann doch nicht vergleichen. Auch das konnte man in Wienhausen erleben.

Reinald Hanke   Cellesche Zeitung

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